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Sechstagerennen 2019

Wissenswertes um die Sixdays

Der Anfang ist unklar: Entweder fand das erste Rennen, noch als Produkthärtetest für Hochräder gedacht, 1875 in Birmingham statt - oder doch erst 1878 in London, dort dann schon als geplantes Profirennen.

Doch egal ob Birmingham oder London, die Wiege dieses Radrennens liegt in England - wo das Event wegen der von Staat und Kirche eingeforderten Sonntagsruhe nicht länger als sechs Tage am Stück, von Montag bis Samstag, stattfinden durfte: die Geburt der Sixdays.

Von England schwappte das Rennen in die USA - und von dort auch nach Berlin.

Die Regeln waren meist gleich: die Rennen gingen entweder über zwölf oder 18 Stunden, später sogar rund um die Uhr; Frauenrennen dauerten dagegen meist nur zwei bis vier Stunden. Die gefahrene Strecke wurde addiert, es siegte, wer in der vorgegebenen Zeit die weiteste Distanz zurücklegte.

In der Anfangszeit brachten die Rennen die Fahrer nicht selten an den Rand der totalen Erschöpfung - der "New York Herald" etwa schrieb von einer "Unmenschlichkeit im Namen des Sports".

1909 fand das erste Berliner Sechstagerennen statt, gefahren wurde am Zoo.

Sieger waren nach 144 Stunden und 3865,7 Kilometern zwei US-Amerikaner. Das Rennen war so erfolgreich, dass es im selben Jahr noch ein zweites in Berlin gab. Das kam fortan öfter vor, 1926 waren es sogar drei Sixdays.

1924 fuhren die Berliner Richard Huschke und Franz Krupat beim 12. Sechstagerennen einen Weltrekord, der bis heute besteht: 4544,2 Kilometer - stolze 3000 Kilometer mehr, als heutzutage bei den Sixdays abgefahren werden.

Domizil des Sechstagerennens ist inzwischen der Sportpalast, die Hymne der Sportpalastwalzer mit den vier Pfiffen.

Zehn Jahre später stehen die Sixdays vor dem Aus: Die Nazis lehnen den Profisport ab.

Als erstes kommen neue Wettkampfregeln, wonach nicht mehr rund um die Uhr gefahren werden darf, Trikotwerbung wird verboten und auch die Fahrergagen werden vereinheitlicht. Die Folge: Die Spitzenfahrer kommen nicht, das Publikum daraufhin ebenfalls nicht mehr.

Auch der "Sportpalastwalzer" darf nicht mehr gespielt werden - sein Komponist Siegfried Translateur ist Jude. 1944, zehn Jahre nach dem Aus des Rennens, stirbt er in einem deutschen KZ.

Nach dem Krieg ist es Ferry Ohrtmann, der 1949 das Rennen nach Berlin zurückbringt. Die Personalie ist nicht unproblematisch: Ohrtmann war nicht nur von 1921 bis 1925 Chef des Sportpalastes, sondern unter den Nazis als "Reichsradsportführer" auch an den NS-Regelungen für die Sechstagerennen beteiligt.

Ab den 60er Jahren werden die Zweier-Mannschaftsrennen aufgelockert mit Ausscheidungsrennen und Extrapreisen. Zudem wird erneut das Rundumdie-Uhr-Fahren, diesmal für immer, abgeschafft.

Zu diesem Zeitpunkt gibt es im geteilten Berlin de facto schon zwei Sixdays.

Im Westen der Stadt finden die Sechstagerennen in der Deutschlandhalle statt, im Osten gibt es die "Winterbahnrennen" - die in der Werner-Seelenbinder-Halle ihre Heimstatt haben und in einer Variante auch über sechs Abende bis jeweils ein Uhr morgens gehen.

1990 ist damit im Osten Schluss, 1991 aus finanziellen Gründen auch im Westen. Sieben Jahre soll es dauern, bis das geeinte Berlin wieder ein Sechstarennen hat - im neugebauten Velodrom, an der Stelle der Seelenbinder-Halle errichtet. Die Fahrer schätzen das dortige Publikum ungemein, es gilt als "vom Fach" und sehr sachkundig.